Ronald Kurt - Das Prinzip Beliebigkeit

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Ronald Kurt - Das Prinzip Beliebigkeit
Title Ronald Kurt - Das Prinzip Beliebigkeit
Author Ronald Kurt
Date of Publication 1998
Published in Ethik und Sozialwissenschaften
Location Opladen/Deutschland
Ronald Kurt - Das Prinzip Beliebigkeit



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Ronald Kurt – Das Prinzip Beliebigkeit

((1)) Die Radikal-Konstruktivistische Wissenstheorie ist sowohl für die Wissenschaft als auch für den Alltag ein brauchbares Modell - behauptet Ernst von Glasersfeld. Ich möchte dem hier in aller Schärfe widersprechen und meinerseits behaupten, daß sich die Radikal-Konstruktivistische Wissenstheorie in jeder Hinsicht in Beliebigkeit verfängt. In meiner Kritik beschränke ich mich auf drei Einwände. Sie beziehen sich auf a) den universalistischen Anspruch einer ahistorischen Argumentation; b) die Nichtberücksichtigung der Phänomenologie; c) die Beliebigkeit des Brauchbarkeitsprinzips.

((2)) ad a) Das beste Argument für die Brauchbarkeit der radikal-konstruktivistischen Wissenstheorie ist, daß sie gebraucht wird (59). Aber diese rekursive Begründung ist Glasersfeld nicht wichtig. Wichtig ist ihm etwas anderes: Er will die Relevanz der von ihm vertretenen Theorie durch die Rekonstruktion ihrer Quellen begründen. Das ist in der Wissenschaft nichts Unübliches. Doch in diesem Fall verwickelt diese Problemstellung in ein anspruchsvolles Erklärungsprogramm: schließlich will Glasersfeld eine Theorie ohne Wahrheitsanspruch gegen Theorien mit Wahrheitsanspruch behaupten. Er startet sein Verfahren mit der Absage an die Annahme, daß die Welt an sich erfahrbar ist. Die These lautet, daß subjektunabhängige, also objektiv wahre Erkenntnis unmöglich ist (1). Das ist die conditio sine qua non der Argumentation. Nicht umsonst beginnt (1) und endet (64) der Text mit der Behauptung dieses antiontologischen Standpunktes.

((3)) Für die richtige Einsicht, daß subjektive Vorstellungen von der Welt nie mit der (angenommenen) Welt an sich, sondern immer nur mit anderen subjektiven Vorstellungen von der Welt verglichen werden können (12), wird viel philosophische Autorität bemüht: von Xenophanes (11) und Protagoras (9) bis hin zu Einstein (8) und Piaget (25). Dennoch, Glasersfelds Bezug auf die Geschichte überzeugt mich nicht. Denn ihm geht es nicht um die systematische Rekonstruktion der soziohistorischen Entwicklung (s)eines Denkmotivs. Vielmehr will Glasersfeld zeigen, daß seine Theorie immer schon da gewesen ist und daß es einer gut zweitausendjährigen Inkubationszeit bedurfte, bis der radikale Konstruktivismus zum Durchbruch kommen konnte. Diese seltsame Teleologie wird von einem Anspruch getragen, der die ganze Menschheit umfassen will (5)(10). Diesen Universalismus halte ich für völlig unangemessen. Mit welchem Recht kann man ein typisch abendländisches Denkmotiv zum Maß der Menschheitsgeschichte machen? Der Geist des Skeptizismus ist nicht überall zu Hause. Für die meisten Menschen ist die wirklich wahre reale Weit nach wie vor eine fraglose Gegebenheit. Ein Hindu im Himalaya zum Beispiel wird sich gegenüber den Prinzipien der Radikal-Konstruktivistischen Wissenstheorie wenig verständig zeigen (können).

((4)) Auf der Rückseite dieses universalistischen Anspruchs steht ein äußerst partikularistischer Umgang mit dem abendländischen Denken. Glasersfeld nimmt sich (gemäß der obersten Maxime seiner Theorie), was ihm viabel erscheint. Dabei führt er philosophische und naturwissenschaftliche Konzepte ineinander, ohne über die Bedingungen für die Möglichkeit dieser Syntheseversuche aufzuklären (23). Patchwork mag in der Kunst seine Berechtigung haben, in der Wissenschaft sind Collagetechniken meiner Meinung nach jedoch fehl am Platz. Glasersfelds Argumentation hätte mich mehr überzeugt, wenn sie sich noch konsequenter auf die Epistemologie Piagets bezogen hätte.

((5)) ad b) Vermißt habe ich bei Glasersfelds Streifzug durch die Philosophiegeschichte den Hinweis auf die Phänomenologie. Schließlich beschäftigt sich die phänomenologische Theorie schon seit nunmehr hundert Jahren mit genau den Problemen, die auch der Radikal-Konstruktivistischen Wissenstheorie zu Grunde liegen. Ein Vergleich dieser beiden Ansätze ist aufschlußreich.

((6)) Genauso wie die Radikal-Konstruktivistische Wissenstheorie, so verzichtet auch die Phänomenologie Edmund Husserls auf die Annahme der Erkennbarkeit „einer realen Welt“ (64). An die Stelle der Welt an sich tritt bei Husserl die Welt für uns: die Lebenswelt. (Auch Glasersfeld verwendet diesen Begriff (58) (!)). Die Lebenwelt ist die Welt, in der wir gemeinsam mit anderen leben. Und diese Welt erfinden wir nicht (9). Wir finden sie vor. Natürlich nicht als ontologische Vorgabe, sondern in Form von soziohistorisch bedingten Sinnkonstruktionen, die wir im sozialen Aufeinanderbezogen-sein erlernen, anwenden und verändern. Sozialer Sinn wird dabei in der Regel nicht ausgehandelt (42) (62), sondern zumeist mit Macht (oder auch Liebe) durchgesetzt. Bedeutungen aushandelnde freie Individuen gibt es nur in der Theorie. In der Praxis wird kontextbezogen kommuniziert, nach Spielregeln, die die Handelnden wechselseitig als bekannt voraussetzen. Von diesen Vorgaben sozialer Ordnung scheint das radikal-konstruktivistische Subjekt befreit zu sein. Es erfindet sich seine Welt.

((7)) ad c) Glasersfeld schüttet das Kind mit dem Bade aus, wenn er aus der Unmöglichkeit der Erkenntnis der realen Welt folgert, daß Wissen unbedingt „als interne Konstruktion eines aktiven, denkenden Subjekts“ (1) zu verstehen sei. Dieser Schluß ist nicht logisch; er ist ideologisch. Er (ver-)führt zu der illusionären Auffassung, daß sich jeder Mensch ganz und gar selbst bestimmen kann. (In diesem Punkt halte ich den radikalen Konstruktivismus für radikal konstruiert.) Losgelöst von intersubjektiv geteilten Nonnen, Werten und Wahrheiten soll der Mensch als pragmatischer Problemlöser viable Konzepte kreieren. Das entspricht dem abendländischen Zeitgeist, aber mit diesem utilitaristisch verkürzten Menschenbild kann ich mich nicht anfreunden. ‘Alles ist immer auch anders möglich' und 'was sich „beim Verfolgen unserer Ziele“ (58) bewährt, wird als Problemlösungsschema beibehalten’. Zwischen diesen beiden Polen pendelt das radikal-konstruktivistische Individuum hin und her. Mit dem damit einhergehenden „Verzicht auf objektive Wahrheit verliert alles Rechthaberische seinen Sinn“ (60). Das ist wohl wahr. Allein: auch das Rechthaben wird durch diese Einstellung unmöglich gemacht.

((8)) Die radikal-konstruktivistische Wissenstheorie kann weder für die Wissenschaft noch für den Alltag ein brauchbares Modell sein. Hier wie dort verführte sie zu einem beliebigen Gelten-lassen. Toleranz ist etwas anderes.

ArgumentationFremd
((2)) ad a) Das beste Argument für die Brauchbarkeit der radikal-konstruktivistischen Wissenstheorie ist, daß sie gebraucht wird (59). Aber diese rekursive Begründung ist Glasersfeld nicht wichtig. Wichtig ist ihm etwas anderes: Er will die Relevanz der von ihm vertretenen Theorie durch die Rekonstruktion ihrer Quellen begründen. Das ist in der Wissenschaft nichts Unübliches. Doch in diesem Fall verwickelt diese Problemstellung in ein anspruchsvolles Erklärungsprogramm: schließlich will Glasersfeld eine Theorie ohne Wahrheitsanspruch gegen Theorien mit Wahrheitsanspruch behaupten. Er startet sein Verfahren mit der Absage an die Annahme, daß die Welt an sich erfahrbar ist. Die These lautet, daß subjektunabhängige, also objektiv wahre Erkenntnis unmöglich ist (1). Das ist die conditio sine qua non der Argumentation. Nicht umsonst beginnt (1) und endet (64) der Text mit der Behauptung dieses antiontologischen Standpunktes.
ArgumentationFremd
((6)) Genauso wie die Radikal-Konstruktivistische Wissenstheorie, so verzichtet auch die Phänomenologie Edmund Husserls auf die Annahme der Erkennbarkeit „einer realen Welt“ (64). An die Stelle der Welt an sich tritt bei Husserl die Welt für uns: die Lebenswelt. (Auch Glasersfeld verwendet diesen Begriff (58) (!)). Die Lebenwelt ist die Welt, in der wir gemeinsam mit anderen leben. Und diese Welt erfinden wir nicht (9). Wir finden sie vor. Natürlich nicht als ontologische Vorgabe, sondern in Form von soziohistorisch bedingten Sinnkonstruktionen, die wir im sozialen Aufeinanderbezogen-sein erlernen, anwenden und verändern. Sozialer Sinn wird dabei in der Regel nicht ausgehandelt (42) (62), sondern zumeist mit Macht (oder auch Liebe) durchgesetzt. Bedeutungen aushandelnde freie Individuen gibt es nur in der Theorie. In der Praxis wird kontextbezogen kommuniziert, nach Spielregeln, die die Handelnden wechselseitig als bekannt voraussetzen. Von diesen Vorgaben sozialer Ordnung scheint das radikal-konstruktivistische Subjekt befreit zu sein. Es erfindet sich seine Welt.
ArgumentationFremd
((7)) ad c) Glasersfeld schüttet das Kind mit dem Bade aus, wenn er aus der Unmöglichkeit der Erkenntnis der realen Welt folgert, daß Wissen unbedingt „als interne Konstruktion eines aktiven, denkenden Subjekts“ (1) zu verstehen sei. Dieser Schluß ist nicht logisch; er ist ideologisch. Er (ver-)führt zu der illusionären Auffassung, daß sich jeder Mensch ganz und gar selbst bestimmen kann. (In diesem Punkt halte ich den radikalen Konstruktivismus für radikal konstruiert.) Losgelöst von intersubjektiv geteilten Nonnen, Werten und Wahrheiten soll der Mensch als pragmatischer Problemlöser viable Konzepte kreieren. Das entspricht dem abendländischen Zeitgeist, aber mit diesem utilitaristisch verkürzten Menschenbild kann ich mich nicht anfreunden. ‘Alles ist immer auch anders möglich' und 'was sich „beim Verfolgen unserer Ziele“ (58) bewährt, wird als Problemlösungsschema beibehalten’. Zwischen diesen beiden Polen pendelt das radikal-konstruktivistische Individuum hin und her. Mit dem damit einhergehenden „Verzicht auf objektive Wahrheit verliert alles Rechthaberische seinen Sinn“ (60). Das ist wohl wahr. Allein: auch das Rechthaben wird durch diese Einstellung unmöglich gemacht.
ArgumentationFremd
((3)) Für die richtige Einsicht, daß subjektive Vorstellungen von der Welt nie mit der (angenommenen) Welt an sich, sondern immer nur mit anderen subjektiven Vorstellungen von der Welt verglichen werden können (12), wird viel philosophische Autorität bemüht: von Xenophanes (11) und Protagoras (9) bis hin zu Einstein (8) und Piaget (25). Dennoch, Glasersfelds Bezug auf die Geschichte überzeugt mich nicht. Denn ihm geht es nicht um die systematische Rekonstruktion der soziohistorischen Entwicklung (s)eines Denkmotivs. Vielmehr will Glasersfeld zeigen, daß seine Theorie immer schon da gewesen ist und daß es einer gut zweitausendjährigen Inkubationszeit bedurfte, bis der radikale Konstruktivismus zum Durchbruch kommen konnte. Diese seltsame Teleologie wird von einem Anspruch getragen, der die ganze Menschheit umfassen will (5)(10). Diesen Universalismus halte ich für völlig unangemessen. Mit welchem Recht kann man ein typisch abendländisches Denkmotiv zum Maß der Menschheitsgeschichte machen? Der Geist des Skeptizismus ist nicht überall zu Hause. Für die meisten Menschen ist die wirklich wahre reale Weit nach wie vor eine fraglose Gegebenheit. Ein Hindu im Himalaya zum Beispiel wird sich gegenüber den Prinzipien der Radikal-Konstruktivistischen Wissenstheorie wenig verständig zeigen (können).